Markus Färber über die Arbeit an seinem Debutcomic “Reprobus”,

Robert Crumb und Religion im Comic.

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Hallo Markus. Mit „Reprobus“ liegt aktuell dein Comicdebut bei Rotopolpress vor, eine aufwändige grafische Erzählung über die Ursprünge der Christophorus-Legende. Wie kam es zu dem Projekt und warum hast du du dich für diesen Stoff entschieden?

reprobus_S05Ich bin in einer fränkischen Kleinstadt im Umfeld einer christlichen Gemeinde aufgewachsen und dadurch von Geburt an mit religiösen Themen konfrontiert gewesen. Später beginnt man schließlich die Emotionalität zu hinterfragen, die dadurch mit christlicher Symbolik verknüpft ist. Christphorus war für mich immer so eine emotionale Schlüsselfigur. Im Schlafzimmer meiner Eltern hing früher die Konfirmationsurkunde meines Vaters mit einer der typischen Abbildungen des Christusträgers (Christopherus).

Für mich war dieses Bild immer der Inbegriff der Darstellung von Geborgenheit. Ich hatte das Bedürfnis diesem Heiligen ein eigenständiges Wesen zu verleihen und ihn aus seiner Funktion der Erbauungs-Ikone herauszureißen. Bei Recherchen habe ich dann immer mehr interessante Unteraspekte entdeckt, wie etwa die Hundekopfdarstellungen des Heiligen und ihre Verknüpfung mit den sogenanten „Wundervölkern“ des Mittelalters. Christophorus selbst ist ja schon ein Sonderling unter den Heiligen: Ein missgestalteter Riese, der sich auf seinem Weg zur Erkenntnis sogar Zeitweise dem Teufel unterwirft. So kam Eins zum Anderen.

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Wenn man ein religiöses Thema aufarbeitet, ist man sicherlich oft mit der Frage des eigenen Standpunkts konfrontiert. Wie würdest du deinen persönlichen Bezug zum christlichen Glauben beschreiben?

reprobus_S06 Für viele meiner Freunde, die dem Christentum eher skeptisch gegenüberstehen, war ich, schon allein durch mein Elternhaus, irgendwie ein religiöser Mensch. Verglichen mit wirklich gläubigen Freunden und Bekannten, war ich aber immer eher „weltlich orientiert“. Dieser Zwischenstandpunkt ist für mich interessant. Man hat so eine Art vermittelnde Position. Man ist nicht sofort einer Kategorie unterworfen und so haben sich oft spannende Diskussionen entwickeln können. Mein Anspruch war von Beginn an, den Stoff so zu behandeln, dass er als fertige Erzählung einen vergleichbaren Standpunkt einnimmt, was aber nicht einfach war. Viele machen sofort dicht wenn sie mit Begriffen wie „Jesus“, „Sünde“ oder ähnlichem religiösen Vokabular konfrontiert werden.

Im Gegensatz dazu ist die christliche Fraktion doch relativ offen wenn sie merkt, dass man dem Thema mit einem gewissen Respekt begegnet. Abseits von wirklich missionarisch motivierter Jugendliteratur war Religion im säkularen Comicbereich meistens ja untrennbar mit Provokation verbunden. Als Robert Crumb vor ein paar Jahren dann seine Version der „Genesis“ veröffentlichte war die Comic-Leserschaft plötzlich überrascht wie unerhört moderat er sich dem Stoff genähert hatte. Im Endeffekt provozierte er dadurch, dass er eine eins-zu-eins-Comicübersetzung der Schöpfungsgeschichte zeichnete. Das hat mich zum Bespiel inspiriert.

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Ein zentraler Aspekt von „Reprobus“ ist die Transformation von mythologischen Stoffen im Laufe von Jahrhunderten. Der Flusswandler aus der Christophorus-Legende ist in deiner Arbeit auch ein Wandler zwischen den Welten, zwischen dem Reich der Legenden und der Moderne, in der die kollektive Erinnerung an Mythen verblasst und verschwindet. Was hat dich an diesem Aspekt als Erzähler fasziniert?

reprobus_S34In letzter Zeit habe ich mich viel mit Sagen aus meiner Heimatregion beschäftigt. Das war eine völlig durchdachte Prallelwelt mit ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten und Wesen und für die Menschen damals absolut real. Heute erklärt uns die Wisenschaft alles. Die Sagen haben ihre Funktion verloren. Die Motivation, diese Geschichten weiter zu erzählen verliert sich damit ebenfalls. Man kann sich gar nicht vorstellen wie viele, über Generationen aufgebaute Phantasiegebilde damit in Vergessenheit geraten. Im Buch ist Reprobus ja selbst von diesem Vorgang bedroht. Während meiner Beschäftigung mit dem Legendentext habe ich mich gefragt, warum das Jesuskind überhaupt gerade diesen Fluss überqueren will und kam dann auf die Idee mit der Weltengrenze und dass er da­durch eben dieser Gefahr des Vergessen-werdens entrinnen will. Die biblische Geschichte ist für viele Menschen heutzutage ja auch nur noch ein Märchen. Die Forschung entlarvt immer mehr biblische „Wahrheiten“ als falsch. Der vernünftige Mensch wird fast dazu gezwungen, die Bibel dadurch immer mehr als Legende, denn historische Grundlage des eigenen Glaubens zu begreifen.

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Die Teile, die den heidnischen, märchenhaften Ursprung der Legende behandeln, wirken holzschnittartig, während die anderen Teile, die dem christlichen Mythos folgen, malerisch anmuten. Wie hast du „Reprobus“ grafisch arrangiert und welchen Vorbildern bist du gefolgt?

reprobus_S35Da ich früher viel Linolschnitt gemacht habe, hat sich das auch auf meine Art zu zeichnen ausgewirkt. Daher das Kantige. In meiner Arbeit gab es auch immer schon eine Diskrepanz zwischen einem eher linienbetonten Stil, wenn ich mit Tusche auf Papier arbeite, und einem eher flächigen Vorgehen ohne Outlines bei der Acrylmalerei. Für mich war diese Uneinigkeit oft extrem störend. Als ich dann bei Reprobus nach einer Möglichkeit gesucht habe, wie man die zwei parallel laufenden Erzählungen optisch unterscheidbar machen könnte, schien mir die Verwendung von unterschiedlichen Stilen anfangs als ein sehr gewagtes Experiment.

Dann hat es aber erstaunlich gut funktioniert und das grafische Problem der Gegenüberstellung war gelöst. Konkrete Stil-Vorbilder hatte ich keine, aber vor allem bei den Linienzeichnungen des Legendenteils habe ich mich bei Aufbau und Formsprache von mittelalterichen Buchillustrationen und Altarbildern inspirieren lassen. Natürlich kann man an manchen Bildern auch gewisse andere Einflüsse erkennen. Dass ich ein grosser David B.-Fan bin zum Beispiel.

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Jahrhunderte lang war der Glaube Sinn und Zentrum künstlerischer Betätigung. Welchen Stellenwert räumst du dem Glauben in der Kunst heute ein?

reprobus_S48Glaube oder Religion? Ich denke, dass Religion als Thema der Kunst nach wie vor eine tragende Rolle spielt, aber eher in einem weltpolitischen Zusammenhang. Vor allem wenn die Kunst als Gegenpol zu einer religiös-moralischen Instanz auftritt, wie es ja gerade in Russland und auch in vielen islami­schen Staaten gerade passiert, macht sie sich ja auch die Religion zum Thema. Welche Rolle aber der persönliche Glaube dabei spielt, ist eher undurchsichtig. Ich denke, dass Kunst auch heute noch immer von einer Art Glauben „beseelt“ ist, nur dass dieser sich nicht mehr an die grossen Weltreligionen knüpfen muss. Religion ist heute ja auch globalisiert. Das bedeutet, dass sich jeder aus unter­schied­­lichsten Quellen seine Antworten auf die grossen Fragen des Lebens herleiten kann.
Du arbeitest als freier Designer und Illustrator, hast Bühnenbilder und Charakterdesigns für Animationsfilme entworfen. In welcher Disziplin fühlst du dich am wohlsten?

Das kommt immer ganz auf die Leute an, mit de­nen ich zusammenarbeite und auf das jeweilige Projekt. Am spannendsten ist es immer wenn man keine feste Vorstellung erfüllen muss, das Ergebnis also am Anfang noch offen sein darf. Das ist natür-lich eher selten der Fall – vor allem, wenn man für Illustrationen beauftragt wird. Gerade dashalb hat mir vor allem die Zusammenarbeit mit dem Theater gefallen, weil das alles noch diesen Experiment­charakter hatte. Natürlich ist dann auch da das Ergebnis eher ein Kompromiss und der Prozess an sich auch anstrengend, aber ich habe gemerkt, dass ich doch eher ein Team-Mensch bin. Früher habe ich noch dieses Ideal vom einsamen, Nächte durchmachenden Zeichner gehabt. Das ist zwar wirklich noch manchmal so, aber Spass macht mir eher das gemeinsame projektorientierte Arbeiten. Das ist ja auch bei diesen Trickfilmsachen so schön gewesen.

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An welchen Projekten arbeitest du gerade?

Ich habe ein paar vage Ideen, die ich gerade versuche zu konkretisieren. Generell versuche ich mit Illustration Geld zu verdienen und sonst etwas weniger theoretisch zu arbeiten und mich mehr auf mich selbst einzulassen. Ja, man kann vielleicht sagen, dass ich gerade mein eigenes Projekt bin.

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